Die Macht der Schuld- und Schamgefühle

Der wohl größte Treiber im Leben eines hochsensiblen Menschen und die Hauptursache für Ängste, die uns von unserem immensen persönlichen Potenzial abhalten, sind Schuld- und Schamgefühle. Sie finden ihren Entstehungsursprung bereits in der frühen Kindheit, dort wo wir unschuldig waren und gezwungenermaßen beginnen mussten, um unsere Daseinsberechtigung zu kämpfen.

Schuld- und Schamgefühle entstehen genau dann, wenn uns vermittelt wird – so wie wirklich bist, bist du nicht richtig. Wir beginnen also zwangsläufig schon als Kind, uns anzupassen, auf die Befindlichkeiten aller Familienmitglieder sensibel einzugehen. Wir übernehmen früh die Verantwortung dafür, ob ein heiles Familienleben zustande kommt oder nicht. Früh entwickeln wir uns zu Sündenböcken, denen suggestiv die Verantwortung für das ganze Familienheil zugeschoben wird. Dadurch, dass wir hochsensibel sind, werden wir als „anders“, als besonders, als nicht normal deklariert. Unser tiefer Wunsch nach Harmonie weist uns automatisch eine Rolle zu, die uns unsere eigenen Grenzen permanent überschreiten lässt. Das alles nur, um dem anderen Verständnis, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft zu signalisieren. Gerade in unserer Kindheit ist es wichtig, eigene Grenzen kennenzulernen und zu fühlen. Kinder müssen sich selbst kennenlernen und lernen sich wahrzunehmen. Dies gelingt schlicht und ergreifend nicht, wenn ein Kind permanent dazu aufgefordert wird, die Rolle des angepassten Mädchens oder des angepassten Jungen spielen zu müssen, damit es geliebt werden kann.

Eltern, die selbst nicht bewusst mit dem eigenen Schmerz und den eigenen Ängsten umgehen können, übertragen die Verantwortung für deren Befinden automatisch und unbewusst auf deren Kinder.

Das Kind lernt also früh „wenn ich so und so bin und dies und jenes tue, dann werde ich gemocht“. Vielmehr lernen viele Kinder auch „wenn ich besonders lieb bin, dann geht es Mama und Papa gut“. All das führt dazu, dass Kinder schon früh gezwungen werden, in die Rolle eines kleinen Erwachsenen zu schlüpfen und folglich die volle Verantwortung für seine Eltern zu übernehmen. Liebe und Zuwendung müssen wir uns bereits früh erarbeiten, entweder in dem wir immer für Sorgen und Probleme der Mama da sind, oder den Papa mit Erfolgsleistungen von uns überzeugen wollen. Und da ein Kind abhängig von der Liebe der Eltern ist, bleibt ihm keine Wahl.

Schuldgefühle
Ich hab´s doch versucht…

Ich liebe dich, wenn…

Wir bzw. unser Ego, das schon früh entsteht, lernt also, dass Liebe an Bedingungen geknüpft ist. Es ist folglich zu „gefährlich“, so zu sein wie wir wirklich sind. Dieser Missbrauch durch unsere Eltern in so frühen Jahren wirkt sich fatal auf sämtliche Beziehungen in unserem späteren Leben aus. Unbewusst sind diese Denkkonvention in uns so fest verankert, dass wir uns unser Leben lang immer wieder dieselben Lebensumstände und –situationen kreieren. Wir stellen uns also dieselbe Frage immer wieder: Warum schon wieder ich? Was habe ich wieder falsch gemacht? Aufgrund unserer unentdeckten Schuld- und Schamgefühle trauen wir uns im späteren Leben nicht uns zu verteidigen, zu uns selbst zu stehen und uns zu schützen. Zudem suchen wir die Fehler unbewusst bei uns selbst.

Wir versuchen alles richtig zu machen und schämen uns für unser vermeintliches Versagen. Sämtliche Denkkonventionen die hinter diesen Gefühlen sitzen, verhindern den Kontakt zu uns selbst und damit zu unseren gesunden Grenzen. Wir werden zur Spielwiese für Menschen, die sich an unserem Mitgefühl bedienen. Für Menschen, die unsere ständige Angst, nicht auszureichen oder Fehler zu begehen, für sich zum Vorteil nutzen. Dadurch, dass wir einen derart hohen Anspruch an uns selbst haben, setzen wir uns über die Jahre hinweg immer mehr unter Druck. Druck, diesem bzw. dem Anspruch der Anderen gerecht zu werden. Wir bemühen uns noch besser zu sein, noch erfolgreicher, noch empathischer, noch besonderer. Aber schlussendlich machen uns die Schuld- und Schamgefühle immer einen Strich durch die Rechnung. Meist folgt dann eine Art Selbstbestrafung, für den angeblichen Fehler den wir begangen haben, für das Misslingen, für das eigene Versagen. Nicht selten entstehen dann Selbstverletzungsmechanismen, darunter meist bekannt Magersucht und Bulimie, aber auch Abhängigkeiten anderer Art. Wir bestrafen uns unbewusst dafür, wieder nicht genügt zu haben obwohl wir uns doch so anstrengten. Wir schämen uns dafür, es wieder einmal in Folge nicht hingekriegt zu haben.

Ich tue alles, aber liebe mich…

Unser Ego läuft auf „Wiedergutmachung“ und sucht sich infolgedessen wieder einen empathielosen Partner, einen missbilligenden Vorgesetzten, hämische Kollegen oder einseitige Freundschaften – um es diesmal aber wirklich diesmal endlich RICHTIG zu machen.  Der Grund weshalb wir also immer wieder „in die gleiche Scheiße“ geraten und uns immer wieder dieselben Typen Mensch in unser Leben ziehen, liegt begründet in unserem Ego. Unser Ego sucht nämlich verzweifelt nach Bestätigung. So sehr wir das auch verfluchen, muss uns eines bewusst werden: Genau diese Situationen und Beziehungen beinhalten die Chance es diesmal ANDERS zu machen.

Alles was du wieder und wieder erfährst, jede Beziehung, jede Lebenssituation bringt nämlich genau das an die Oberfläche, was du unbewusst erst mal garnicht sehen möchtest. Es wird genau das ans Licht gebracht, was dir für ein schönes Leben im Weg steht. Genau dafür sind diese schmerzhaften Erfahrungen da. Sie bergen immer die maximale Chance für dich, das ganze erlernte und erdachte Zeug in dir einmal bewusst wahrzunehmen. Um somit den Weg für ein echtes Leben frei zu machen.

Um unser wirkliches Potential auszuschöpfen, müssen wir uns unseren Schuld-und Schamgefühlen stellen und das bedeutet: Sie bewusst wahrnehmen und sie aushalten. Wir müssen beginnen uns selbst die Wahrheit zu sagen indem wir anfangen, unsere Gedanken bewusst zu hinterfragen.

Wir selbst tragen die Verantwortung dafür, den Selbstmechanismus der ständigen Reinszenierung dieser frühkindlichen Erfahrungen, ein für alle Mal zu unterbinden.

So tragen wir alleine die Verantwortung, unsere Schuld- und Schamgefühle dann anzusehen wenn sie in uns auftauchen. Denn nur das was wir sehen, kann sich ändern.  Oberflächlich gesehen wissen wir vielleicht, dass solche Gefühle da sind, dass die Muster aus der Kindheit stammen. Wie viele Jahre haben wir damit verbracht unsere eigene Biographie bis ins Detail zu analysieren, um zu verstehen wie wir sind.  Doch es geht nicht darum, über sich nachzudenken, sondern sich bewusst zu fühlen. Erst wenn du dich der Angst stellst, die Gefühle bewusst zu durchfühlen, dann verstehst du dich nicht nur, du nimmst dich auf einmal wirklich wahr. Statt dich weiter von deinen Gedanken leiten zu lassen, hinterfrage sie bewusst! Kann das stimmen, was mein Verstand gebetsmühlenartig von sich gibt? Welche Gefühle erzeugen diese Gedanken eigentlich in mir? Was passiert da eigentlich jedes Mal in mir? Wo fühle ich das? Du entziehst deinem Verstand zunehmend deine Aufmerksamkeit und lenkst sie dort hin wo Veränderung stattfinden kann: nach Innen in deinen Körper. So gibst du all den Schuld- und Schamgefühlen endlich Raum in dir. Du kümmerst dich endlich um sie. Du kümmerst dich endlich um dich selbst. Und genau da fängt Liebe an.

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