Unser unbewusstes Lebensskript

Bekommt ein Kind nicht bedingungslose Anerkennung und Liebe, die es für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühl benötigt, lernt das Kind frühzeitig sich diese Zuwendung zu erarbeiten. Betrachten wir zunächst den Begriff „bedingungslos“: Wenn sich ein Kind in seinem ganzen Wesen, in seinem Sein angenommen und geliebt fühlt, erhalten sämtliche kindliche Emotionen Raum zur Entfaltung. Bedeutet konkret, das Kind darf in gleichem Maße wütend, traurig, zornig, enttäuscht, verärgert, trotzig wie auch fröhlich, freundlich und glücklich sein. Es darf SEIN. Es lernt, dass Gefühle nichts schlechtes sind und spürt intuitiv bereits in frühkindlichen Entwicklungsstadien, dass es angenommen wird. Und das ohne Bedingungen. Das bedeutet nicht, dass Eltern keine Grenzen setzen dürfen. Grenzen dienen zur wichtigen Orientierung und sind wesentlich für die Entwicklung eines Kindes. Die Aufgabe eines gesunden Erwachsenen ist es vielmehr, dem Kind verhaltensbezogene, gesunde Grenzen zu setzen und ihm gleichzeitig genug Raum für die emotionale Reifung zur Verfügung zu stellen.

In den meisten Fällen (und auch hier die Betonung: auch die Eltern haben das nicht bewusst entschieden), übertragen Eltern ihre eigenen kindlichen Glaubensmuster unbewusst auf das Kind. Aus Mangel an eigenem Bewusstsein, wird Anerkennung, Zuwendung und Liebe an Bedingungen geknüpft. Diese gleichen einer „Wenn-dann“ Funktion und können in etwa folgende Form annehmen:

  • „Wenn du artig bist, liest Mama dir später etwas vor“
  • „Wenn du nicht so gemein bist, dann haben dich auch die anderen Kinder lieb“
  • „Wenn du eine gute Note schreibst, dann ist Papa ganz stolz auf dich“

Diese Formen der Bedingung sind eher offensichtlicher Natur. Da ein Kind immer abhängig von Zuwendung und Aufmerksamkeit ist, lernt das Kind also schnell diese „Wenn, dann“ Bedingung zu verinnerlichen. Es lernt, wenn ich so und so bin, dann bin ich ok.

Genauso häufig kommt es vor, dass sogenannte Zuschreibungen ein Kind schon früh in die Anpassung zwingt:

  • „Gott sei Dank bist du nicht so laut wie dein Bruder, dafür haben dich Mama und Papa sehr lieb“
  • „Du bist mein liebes Mädchen“
  • „Du bist ein kräftiger Kerl, du wirst es weit bringen“
  • „Du bist Papas hübsches Mädchen, du wirst den Männern mal den Kopf verdrehen“

Entscheidend ist weniger, was Eltern ihren Kindern tatsächlich sagen. Entscheidend ist vielmehr, wie das Kind die Botschaften verarbeitet. Hierbei spielen auch Schlüsselerlebnisse eine signifikante Rolle, Erlebnisse die für das Kind emotional sehr bedeutsam waren. Wichtig ist hierbei aber zu verstehen, dass das elterliche Verhalten Kindern eine Orientierung für dessen eigenes Verhalten gibt. Geknüpft an Zuwendung, Anerkennung aber auch an Bestrafung und Liebesentzug führt dies im Kind zu einer Art Überlebensschlussfolgerung. Das Kind verinnerlicht eine Bedingung, die sich im Unbewusstsein manifestiert:

  • Wenn ich Mama helfe, ist sie nicht mehr traurig = Wenn ich helfe, bin ich ok = Deswegen ist es wichtig, anderen Menschen zu helfen.
  • Wenn ich gute Noten schreibe, ist Papa stolz auf mich = Wenn ich klug bin, bin ich ok = Deswegen ist es wichtig, im Leben erfolgreich zu sein.
  • Wenn ich wütend bin, hat Mama mich nicht mehr lieb = Wenn ich wütend bin, bin ich nicht ok = Deswegen ist Wut schlecht

Dies sind nur wenige Beispiele für mögliche Schlussfolgerungen. Für welches Verhalten sich ein Kind nach der Schlussfolgerung entscheidet, also welche Strategie es anwendet, liegt meist nicht mehr unter Einfluss der Eltern. Schlussfolgert ein Kind, dass es hilflos und schwach ist, kann sich das Kind folglich schüchtern im Hintergrund halten. Die andere mögliche Strategie wäre, ein zurückhaltendes Kind zu sein und als Erwachsener draufgängerisch und laut (also vermeintlich stark).

Lebensskript

Wichtig ist für uns als Erwachsener, diese kindlichen Anpassungsmuster erst einmal zu begreifen, zu sehen und mit Mitgefühl zu behandeln. Diese unbewussten Überzeugungen dienten einst unserem „Überleben“, unserer Bedürfnisstillung nach Liebe und Zuwendung. Hier muss in erster Linie Mitgefühl für uns selbst hin. Dann schließlich können wir beginnen, ehrlich zu uns selbst zu sein. Bedeutet, sich bewusst damit auseinanderzusetzen ob diese Denkkonventionen überhaupt stimmen können. Bin ich wirklich nur Ok wenn ich lieb bin? Bin ich nur Ok wenn ich helfe? Ehrlichkeit zu sich selbst bedeutet in diesem Fall: Verantwortungsübernahme.

Das Leben liefert uns solange Menschen und Umstände, die unsere Muster hervorholen oder „triggern“. Solange, bis wir unsere Aufmerksamkeit weg vom Außen nach Innen richten. Nur durch bewusstes Hin-Fühlen und bewusste Sich-Selbst-Wahrnehmung können sich die Muster allmählich auflösen. Denn alles was sichtbar wird, kann sich verändern. Wir werden selbst Herr der Dinge, denn wir merken was wir wirklich sind und was Teil unseres Skriptes ist. Wir kommen in unsere Handlungsfähigkeit zurück und wir wissen was gut für uns ist und was nicht. Wir lernen uns selbst kennen, uns selbst abseits von erlernten Mustern die uns lange genug gefangen hielten. Wir schaffen uns keinen weiteren Schmerz mehr.

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